Zukunft hat Herkunft

Versuche, Traditionen zu verlassen, scheitern oft am mangelnden Verständnis der Interdisziplinarität. Planende sind heute mehr denn je gefordert, sich schon früh mit den verschiedensten Sachverständigen auszutauschen. Wirkliche Innovationen setzen die Möglichkeit der horizontalen und vertikalen Integration aller an einem Projekt beteiligten Personen voraus.

Seinen Gastbeitrag zum Thema «Innovation und Tradition» in der Bauindustrie, veröffentlicht in eTrends am 10. September 2020, fasst Prof. Adrian Altenburger wie folgt zusammen: Zukunft hat Herkunft und echte Innovation bedingt Neugier, Kompetenz und kalkulierte Risikobereitschaft. Gewerbliche Strukturen und 20 Jahre Hochkonjunktur lassen uns zuweilen in der Komfortzone verharren. Wir tun gut daran, die Bauwirtschaft selber zu transformieren bevor es andere tun und das, ohne die handwerkliche Qualität aufzugeben. Digitalisierung ist Mittel zum Zweck und ruft nach vertikaler und horizontaler Integration der Wertschöpfung. Aber bitte fundiert und mit Mehrwert und nicht nur über grossspurige Ankündigungen an unzähligen Foren und Kongressen.

Philips Lighting, OLED, SBCZ Schweizer Baumuster-Centrale Zürich, Bild: WKR

Ganzheitliche Systeme

Adrian Altenburger ist Professor an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur HSLU, Instituts- und Studiengangleiter Gebäudetechnik und Energie IGE, Vizepräsident im SIA und Präsident der zentralen Normenkommission ZN sowie Verwaltungsrat in verschiedenen Planungs- und Industrieunternehmen. Bauen ist nicht nur für ihn als Ingenieur faszinierend, sondern hat wohl eine besondere gesellschaftliche Relevanz. Keine andere menschliche Aktivität manifestiert sich sichtbarer als die gebaute Umwelt. Die Bauindustrie steht somit nicht nur in einer besonderen Verantwortung, sondern ist auch stark von Traditionen geprägt. Während das Bauen historisch durch einen gesamtverantwortlichen Baumeister geprägt war, hat insbesondere die Industrialisierung und damit der Einzug der Technik zu Spezialistentum und zu weniger holistischen Lösungen geführt. Trotz unzähliger, durchaus spannender punktueller Ansätze zeigt sich immer wieder, dass das Gebäude als System zu denken und zu bauen ist und nicht einfach die Summe aller disziplinären Beiträge darstellt.

Strukturierte Zusammenarbeit

Nun stehen wir aber technologisch dank den Entwicklungen in der Informatikindustrie vor der Möglichkeit, die Planungs- und Bauprozesse digital und gesamtheitlich abzubilden − als Modell mit allen notwendigen und relevanten Informationen, das heisst mittels Building Information Modeling (BIM). Dieser zunächst methodische Ansatz einer zeitsynchronen Entwicklung des Modells und somit der Informationen, bedingt von Anfang an eine strukturierte Zusammenarbeit der verschiedensten Disziplinen. Mit smino werden Informationen aus verschiedensten Systemen und unterschiedlichen Bearbeitungsgraden zu einer digitalen Kollaborationslösung, einem intuitiv zu bedienenden Werkzeug, für alle Beteiligten zusammengeführt. Die Kommunikation über BIM-Modelle wird vereinfacht und Aufgaben aus den BCF-Dateien werden automatisch an die zuständigen Personen geschickt.

Ganz nach dem Motto «keine Zukunft ohne Herkunft», startet die HSLU im Herbst 2020 ihren Bachelorstudiengang «Digital Construction», der alle Disziplinen vereint. Als Alternative zu all den in den letzten Jahren neu am Markt aufgetauchten BIM-Spezialisten und -Beratern, stellt sich Adrian Altenburger vor, wie junge Architekten*innen und Ingenieure*innen in Zukunft in Unternehmen arbeiten, die gesamtverantwortlich agieren. Nicht wie heute projektspezifisch organisiert, sondern tatsächlich als horizontal und vertikal integrierte unternehmerische Eigenleistung.

Text: Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Quellen: eTrends

17. September 2020 | Kategorie: Allgemein, BIM, Digitalisierung