Kunst am Bau

Schönheit ist das Quantum Menschlichkeit, das unser Leben deutlich verbessert. Schönheit beeinflusst nicht nur, wie wir uns fühlen, sondern verändert auch, wie wir uns verhalten. Ein Ort, wo Schönheit, Ästhetik, Ausdruck, Bedeutung und Identität auf ganz besondere Weise zusammenkommen, ist Kunst am Bau.

In der täglichen Arbeit wird häufig übersehen, dass Kunst genauso Teil des Bauprozesses ist. Wir haben uns mit dem Zürcher Künstler Michael Hirschbichler unterhalten, der sich intensiv mit Kunst am Bau auseinandersetzt und dessen Arbeitsweise sich dadurch auszeichnet, dass er Orte und Räume mit künstlerischen Mitteln auf differenzierte Weise erkundet.

Die Kunstwerke von Michael Hirschbichler gehen aus einem forschenden Dialog mit Orten, Landschaften und Gebäuden hervor, wobei der Prozess zu einem entscheidenden Bestandteil der Arbeit gehört. Es ist für Hirschbichler deshalb besonders wichtig, früh in die Planung einbezogen zu sein. Die Kunst wird somit frühzeitig ins Gebäudes eingeplant und eng mit dem Planungs- und Baufortschritt verflochten. Aus diesem Grund greift er für seine Kunst am Bau Werke auch auf smino zurück. Gegenwärtig arbeitet Michael Hirschbichler an Projekten in Graubünden und Bremen.

Ein Mehrfamilienhaus mit Geschichte

In dem Kunst am Bau Projekt für den Neubau eines Mehrfamilienhauses im Bündner Rheintal am Fuss des Calanda geht es darum, anhand des allgegenwärtigen Materials des Steins den Zusammenhang von Alltagsleben und mythologischen Vorstellungen zu erforschen. Hierzu werden Steinzeichen – durch Abnutzung zufällig entstandene Zeichen im Altbau, sowie historisch bedeutende Zeichen in der umgebenden Landschaft – mit einer archäologischen Methode abgeformt. Diese Formen verwendet Hirschbichler dann dazu, um aus dem Steinmaterial des abgerissenen Altbaus Kunststeinskulpturen zu giessen und die Zeichen somit zu bewahren und zu verwandeln. Das alte Gebäude wird in einen materiellen „Text“ aufgelöst und in den Neubau integriert. Dort erzählt dieser von profanen und sakralen Ereignissen und wird als eine Art Fantasieschrift zugleich Projektionsfläche für neue Lesearten und Träger neu hinzukommender Spuren.

Wie das Gotthard-Massiv in die Deutsche Stadt Bremen kommt

Steine spielen auch eine wichtige Rolle in einem anderen Projekt Hirschbichlers, für ein Mixed-Use Gebäude samt Stadtteilparlament und Platzgestaltung im Schweizer Viertel Bremen Osterholz in Deutschland. In diesem Fall geraten Steine zu Bindegliedern zwischen dem Ort in der Norddeutschen Tiefebene und der alpinen Topographie des Gotthardmassivs. Beide Orte versetzt Hirschbichler in einen spielerischen Dialog, um ihre symbolische Beziehung auch materiell umzusetzen. Hierzu formt er Felsblöcke der Gotthardpasshöhe ab und fertigt mit Gesteinsmaterial des Bodenaushubs der Bremer Baustelle Duplikate davon an. Es entstehen hybride Steinskulpturen, die der Form nach dem Gotthard-Massiv angehören und der geologischen Zusammensetzung nach in Norddeutschland verortet sind. Diese Skulpturen, in denen auf subtile und poetische Weise beide Orte zur Deckung gebracht werden, tauchen in verschiedenen Bereichen des Gebäudes und im Aussenraum auf.

 

Erdölproduktion und Kunst

Michael Hirschbichler setzt sich mit Orten, Landschaften und räumlichen Konstruktionen in verschiedenen Ländern und Kulturräumen auseinander. In Aserbaidschan etwa erforschte er mit diversen künstlerischen Mitteln die Landschaften der Erdölproduktion und -verarbeitung. So entstanden die Arbeiten der Serie „Oil Field Paintings“ auf dem ältesten Ölfeld der Welt in Bibi Heybat, Baku. In einem „Plein Air“- Malprozess, der spielerisch Traditionen der Landschaftsmalerei aufgreift, wurde das Rohöl, das an der Oberfläche des Ölfeldes zu finden ist, in groben Gesten direkt auf weiße Leinwände aufgebracht. Die auf diese Art entstandenen Malereien sind zugleich Aufnahmen der verschiedenen materiellen und ästhetischen Eigenschaften des Öls. Das performanceartige „Malritual“, im Zuge dessen die „Oil Field Paintings“ entstanden, wurde vom Sicherheitsdienst unterbrochen. Hierdurch treten die territorialen Machtbeziehungen zutage, in die dieser wertvolle Rohstoff eingebunden ist.

 

Der in Zusammenarbeit mit Lukas Raeber ebenfalls in Aserbaidschan entstandene Zyklus „Theater of Combustion“ macht die Räume der Ölproduktion auf eine andere Weise erfahrbar, indem der Akt des Verbrennens von Treibstoff als theatralisches Ereignis inszeniert wird. Hauptakteur ist hierbei eine aus Stahl- und Neonröhren bestehende Skulptur in der Geometrie eines Methanmoleküls, das einen Hauptbestandteil von Erdöl und -gas ausmacht. Diese skulpturale Vergrößerung einer molekularen Struktur wurde an verschiedenen Orten der Erdölförderung und -verarbeitung auf der Absheron Halbinsel in Aserbaidschan positioniert. Von einem Benzingenerator betrieben, der den an diesen Orten geförderten und verarbeiteten Rohstoff verbrennt, warf die Neonskulptur ihr helles Licht in die petroindustrielle Umgebung und verwandelte diese in eine surreale Szenerie.

Bei Kunst am Bau ist es Hirschbichler zufolge wichtig, gedankliche und emotionale Erfahrungen zu ermöglichen, Fragen aufzuwerfen und das Identifikationspotential von Gebäuden und Orten zu stärken. Vor allem kommt es darauf an, neue Perspektiven auf einen Ort oder ein Gebäude zu entwickeln und dessen Geschichte, die durch bauliche Eingriffe angereichert wird, weiterzuschreiben. Dabei ist die Kunst stets mit dem Bau verknüpft, mit dem sie in einem starken inhaltlichen und physischen Verhältnis steht. Deshalb spricht Hirschbichler anstatt von „Kunst am Bau“ auch gerne von „Kunst mit dem Bau“.

Michael Hirschbichler studierte an der ETH Zürich und der Universität der Künste Berlin. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Er erhielt Künstlerresidenzen an der Villa Massimo (Rom), am YARAT Con­tem­po­rary Art Space (Baku), an der Cité inter­na­tionale des arts (Paris), der Stiftung Binz39 (Zürich) und der Vil­la Kamo­gawa (Kyoto).

Mehr über Michael Hirschbichler erfahren: Atelier Hirschbichler

29. April 2020 | Kategorie: Allgemein